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KUNST VERTIKAL

Kunststraße 92 Innsbruck (Kuratoren: Dieter Ronte, Kunsthalle Innsbruck)
Club Orchidee, Felix Stephan Huber, Rudi Molacek, Maurizio Nannucci
1.8. - 6.9.1992

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Eine unausgesprochene Übereinkunft im Kunstberichterstatterwesen ist es, nicht über Pressekonferenzen zu berichten. Die Pressekonferenz zu Kunst-Vertikal, kuratiert von Dieter Ronte und der Kunsthalle Innsbruck mit Johannes Atzinger und Marie-Luise Mayr jedoch ist mehr als einer Erwähnung wert. Sie schloß mit der Frage der Fachpresse, "Warum simulieren Sie eine Pressekonferenz?", worauf der antwortende (Künstler) die Gegenfrage stellte "Warum simulieren Sie, keine Simulation einer Simulation zu sein". Die, sich brisante Fragen der zeitgenössischen Kunst, ihrer Präsentationsformen und Wirkungsmöglichkeiten zuspielenden Personen waren eingeschleuste Schauspieler. Akteure eines Stückes für drei Personen von Club Orchidee, Köln/Düsseldorf (Rudolf Frings, A.S.Wünkhaus, Dieter Wiczorek). Hier wurde, auf spielerische Art und Weise das Konzept, das die Veranstalter sich und den Künstlern gestellt hatten hinter- wie vordergründig aufgerollt und auf den Punkt gebracht.

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Gepflanztes Copyright-Zeichen

Die Schauplätze der Ausstellung selber sind auf der linken Seite des Innflusses, bis hinauf zu den Berggipfeln anzutreffen. Natur und Kunst, Identität und Künstlichkeit, natürliches Sein, dessen Reproduktion und Verfügbarkeit sind die Themen, die von Club Orchidee, Felix Stephan Huber, Rudi Molacek und Maurizio Nannucci, jeweils mit Bezugnahme zum spezifischen Ort, angesprochen werden und schlußendlich mitsammen in einen offen gelassenen Reigen treten. Parallelen zwischen den, seit den 80-er Jahren eskalierenden Phänomenen des Museumstourismusses und des Alpintourismusses werden auf eklatante, wie überraschende Weise gerade im, ursächlich autonomen, Zusammenspiel der Künstler und ihrer Arbeiten augenfällig. Voraussetzung für dieses Augenfällige ist allerdings das Gewahrnehmen einer sich verselbständigenden Beziehung zwischen Urheber, Verursacher und Nutznießer. Sie kulminiert in der Freude, im Genuß, doch meist - ich unterstelle dies - schlichtweg im unbedachten, oberflächlichen Konsum.

Will der in Köln lebende Schweizer Felix Stephan Huber zunächst nicht so ganz in die inhaltliche Ausrichtung der Ausstellung passen, so erhellen sich seine intimen, persönlichen Fotografien gerade unter diesem Aspekt. Der "Traum der Vernunft" gebiert hier keine Ungeheuer. Er zeigt vielmehr die labile Grenze zwischen Nacht- und Tagbewußtsein, zwischen der möglichen Inspirationsquelle und -stätte einer Künstlerpersönlichkeit und der Allgemeinwerdung von Ideen und ihrer Benutzbarkeit an. Huber verwandelt die Kunsthalle Innsbruck spröde und unspektakulär, mittels rüde an die Wand gepinnter schwarz/weiß Fotos seiner verlassenen Schlafstätten der letzten - und offen gelassen, der zukünftigen - Zeit und mittels Räume symbolisierender Klebebandmarkierungen auf dem Boden in den öffentlich betretbaren Intimraum des (eines) Künstlers. Indem hierüber mit durchaus subjektiver Interpretation geschrieben wird, beginnt bereits die geistige Vereinnahmung künstlerischen Gedankengutes.

Maurizio Nannuccis Arbeit ist weitaus konzeptuell-theoretischer geartet. Sie besteht aus drei Leuchtkästen, die in den drei Stationen, die zum Gipfel der Innsbruck überragenden Bergkette führen, zu sehen sind. Die zeitlich, wie räumlich einander folgenden Arbeiten, großformatig plaziert inmitten des üblichen sommerlichen Tourismus- und Bergsteigerrummels wiederholen ein Statement: "There's no reason to believe that art exists". In der Abfolge der Primärfarben rot, gelb, blau findet einerseits eine Thematisierung der Kunstgeschichte und ihrer abstrakten Traditionen statt. Andererseits wird über die Aussage des bewußt in international verständlicher Sprache gehaltenen Satzes eine Aussage getroffen, die an solchen Orten reichlich befremdlich wirkt. Wo beginnt die Kunst, wo hört sie auf? Welche Räume gehören ihr, in welche Räume kann sie hinein reichen? Wohl kaum von jemandem bewußt wahrgenommen ist die Tatsache, daß gerade die von Nannucci vereinnahmten Seilbahnstationen zu den technischen Pionierleistungen der Zwischenkriegszeit, die zur Erschließung der Bergwelt einiges beigetragen haben, zählen. Es sind im Sinne des Gesamtkunstwerkgedankens durchgestaltete Ort. Nannucci gibt mit seiner Arbeit unter anderem einen Hinweis darauf, daß Kunst und ihre Nutzbarkeit nicht soweit voneinander entfernt liegen und ersteres doch ein geistiges Metier bleibt - blau steht auf dem Gipfel, dem Himmel und der freien Luft am nächsten.

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Leuchtendes Copyright-Zeichen über Insbruck

Läßt er bei seiner Inszenierung nicht Anspielungen auf Eingriffe, die im Laufe der Zeit - Ver- und Gebotsschilder - stattgefunden haben außer acht, so ist es der Club Orchidee, der mit seinem von weitem sichtbaren und Innsbruck bei Nacht rot überstrahlendem Copyrightzeichen Kunst, Tourismus und Natur auf eine öffentlich diskussionsanregende Ebene bringt. Der "heilige" Berg, das Wahrzeichen der Stadt, das unweigerlich auf jedem Foto prangt, trägt ein Urheberrechtszeichen der Natur selbst. Es ist in Beziehung gesetzt zu einem, sich im Zentrum der Stadt befindlichen Fernrohr und einem Ticketautomaten. Dieser spuckt zu einem, für jedermann erschwinglichen Betrag die Berechtigung zur Ablichtung des Blickes und zum Nachdenken über ein Copyright in der Natur aus. Zusätzlich gibt es Sonnenbrillen zu erwerben, die den unvoreingenommenen, freudig konsumierenden Blick mittels eben diesem Zeichen in seine Schranken weisen. Diese gleichwohl gelungene, wie ironisch-provokante Vorführung vom Nebeneinander von Natur, Idylle und Katastrophe und deren hartnäckiger Ignorierung schließt die Aufpflanzung eines gläsernen C-Zeichens, in Ausrichtung zum höchsten Sonnenstand, vor einem Ozonmeßgerät mit ein. Auch dieses ist Teil der Kunstaktion und nunmehr für kurze Zeit das einzig öffentlich zugängliche, an abgelegenem Ort und für die Zwecke der Kunst genehmigte. Im C-Zeichen gepflanzte Blumenbeete verleihen der Aussage den gebührenden Nachdruck.

Leise, unaufdringlich und beschaulich, aber nicht weniger nachdenklich stimmend, integrieren sich die Farbfotografien des in New York ansässigen Österreichers Rudi Molacek in die, an den Käfigen des Alpenzoos angebrachten wissenschaftlichen Erläuterungen. Im Gegensatz zu deren kühlen, starren Schematisierungen fängt er die Lebendigkeit der - einzeln und nicht als gesamte Gattung - dahintersitzenden Tiere ein. im Huschen einer Bewegung erscheint der Damhirsch als nahezu außerirdisches Wesen mit menschlichen Zügen. Die farbig jeweils unterschiedliche Tönung der Fotos läßt darauf schließen, daß sie mit der Stimmung oder Schwingung, die die Tiere in der persönlichen Beziehung zum Künstler ausstrahlen etwas zu tun haben. Die Kluft zwischen Dokumentation und wirklicher Erscheinung ist, bedenkt man sie, ebensogroß, wie diejenige klein zu sein scheint, die zwischen der touristischen Geste besteht, die ein Erinnerungsfoto schießen will und derjenigen, die aus künstlerischen Impulsen heraus einen Sachverhalt aufzeigen möchte. Kunst-Vertikal steht im Untertitel unter dem Motto "Andere Räume, Andere Medien". Wie die meisten Veranstaltungen, die Kunst im öffentlichen Raum zeigen, so sind wohl auch hier einige Hürden zu ihrer Realisierung zu nehmen gewesen. Um so erfreulicher ist es, daß die Kunst (im Großen und Ganzen) nicht in städtische Abseitswinkel gestellt worden ist, sondern an prominenten Stellen ein breites Publikum findet. Für jeden Außenstehenden wird denn auch das, den Blick von weitem beherrschende Copyrigthzeichen zum Gedankenfang der Ausstellung. Gewöhnlich als geistiges Urheberrechtszeichen gebraucht, steht es ein für Schutz, Eigentum und Echtheit schlechthin. Die Thematisierung vom Eindringen in fremde Bereiche und deren Verfügbarmachung für persönliche Zwecke geht damit Hand in Hand. Die beteiligten Künstler rollen diese Sachverhalte, jeder in seinem spezifischen Kunstkontext verweilend, auf und gehen darüber hinaus den oft vermißten Dialog mit dem sie beherbergenden Kulturraum ein. Eine Erörterung stilgeschichtlicher Natur oder unterschiedlicher Künstlergenerationen erübrigt sich im Umfeld dieser Fragen der Beziehung zwischen Kunst und Identität, Natur und Zivilisation wie selbstverständlich. Nichtzuletzt durch die lange Begehungszeit in der Landschaft.

Beate Ermacora

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